· 

Lebenslanges Lernen


"Lernen von der Wiege bis zur Bahre" oder "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Diese sehr gegensätzlichen Sprüche habe ich oft gehört. Sie sind spannend, greifen sie doch zugleich ein Konzept auf, das ein lebensbegleitendes Lernen fordert bzw. abspricht. Etabliert hat sich in Deutschland in den letzten Jahren das Schlagwort Lebenslanges Lernen als Antwort auf die Herausforderungen des demografischen, technischen, digitalen und jedes sonstigen Wandels. Nur durch Lernen sei die eigene Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten, ist sich stets auf neue Situationen und Anforderungen anzupassen. Der beruflichen Weiterbildung bzw. Qualifizierung wird dabei eine zentrale Rolle zugewiesen. Jedoch: "Die beständige Angst, 'abgehängt' zu werden, zu veralten, nicht 'marktkonform' zu sein, ist konstitutiver Bestandteil, gehört zum Lebenslangen Lernen schlichtweg dazu." (vgl. Dörpinghaus, 2017).

Dabei ist sich die Wissenschaft einig, dass Lernen an sich eine menschliche Leistung oder Fähigkeit ist, quasi zum Mensch sein dazu gehört. Und die nicht einfach verschwindet, sondern uns bis ins hohe Alter erhalten bleibt. Somit sollte Lernen nicht als Last, eher als Chance begriffen werden, um sich selbst Wissen ob der Welt aktiv anzueignen, dieses dann kreativ anzuwenden und neue Ideen (auch von sich selbst und der Welt) zu entwickeln. Lernen erfolgt zum größten Teil unbewusst (implizit), findet quasi beiläufig statt, ohne Lernabsicht und stellt damit die lebenslange Grundform des Lernens dar. Unbewusst orientieren wir uns an Realsituationen des Lebens, lernen durch Erfahrung, Beobachtung oder Ausprobieren und schaffen uns Strukturen, um die Welt und einströmende Informationen zu sortieren. Die zweite Form und damit sind wir bei der eingänglichen Forderung nach Lebenslangem Lernen ist eine bewusste (explizite), weil beabsichtigte Lernform, um konkretes Wissen oder Fähigkeiten zu erwerben und später auch abrufen zu können (vgl. gehirnlernen.de).

Wie man lernt, hängt vom Alter ab. Und da ist zwar bei Hans in der Regel die große Lernphase von Schule, Ausbildung, Studium schon länger her und Lernen nicht mehr ganz so "natürlich" wie bei Hänschen, dennoch lernt er nicht schlechter, sondern nur anders als in seiner Jugend. In dem Zusammenhang ist die sog. "fluide (flüssige) und kristalline Intelligenz" interessant, welche auf den Psychologen Cattel zurückgehen. Während die fluide Intelligenz angeboren ist und v.a. die Auffassungsgabe oder das Verarbeitungsniveau beschreibt, umfasst die kristalline Intelligenz alle Fähigkeiten, die im Laufe des Lebens erlernt werden. Jüngeren Lernern fällt es somit leichter, sich auf ganz neue Situationen einzustellen oder sehr schnell bspw. Informationen zu verarbeiten. Ältere können hingegen besser Informationen strukturieren, auf viel Wissen zurückgreifen und Informationen entsprechend ihres geschaffenen Ordnungssystems integrieren bzw. verfestigen. Generelle Voraussetzung für erfolgreiches Lernen ist dennoch das Interesse, die Neugier, die Lust Neues auszuprobieren. Gerade ältere Lerner wissen i.d.R. beim expliziten Lernen, warum sie sich etwas aneignen und gehen mit hoher Motivation und Selbstdisziplin an (im Idealfall selbst gewählte) Lern- oder Weiterbildungsinhalte heran. Sie brauchen aber einfach etwas länger und sind nicht ganz so schnell bereit, alles "Neue" mitzumachen. Es muss eben Sinn ergeben. Gerade in der Berufswelt zeigt sich, dass vor allem Fehler ein zentraler Antriebsmotor im Lernen sind. Bei allen erworbenen Routinen sind diese somit Anlässe, um inne zu halten und nachzudenken, was anders hätte sein müssen. Für das Lernen im Arbeitskontext hat daher die Fehlerkultur in Unternehmen eine hohe Bedeutung. Weiterhin stehen bei Älteren der Austausch mit anderen im Vordergrund, sodass Diskussionen, Treffen mit Kollegen kombiniert mit der Bereitschaft, offen für Meinungen von anderen zu sein, gute Unterstützungsmöglichkeiten für Lebenslanges Lernen in Unternehmen bzw. Organisationen darstellen (vgl. Das Prinzip des Lernens).

Soll neues Wissen oder Fähigkeiten aneignet und behalten werden, dann gibt es einige erprobte Tipps, die dieses erleichtern:

  1. Viele Kanäle nutzen
    Wir lernen mit allen Sinnen, am meisten, wenn wir etwas hören und sehen oder selbst ausführen. Grundsätzlich sollten möglichst viele der Wahrnehmungskanäle beim Lernen genutzt werden.
  2. Eigenen Lernstil entwickeln
    Wir entwickeln im Laufe der Zeit unseren eigenen Lernstil. Egal, ob gemeinsam in einer Gruppe oder für sich, ob in  einer ruhigen Umgebung oder mit Musik, ob mit Büchern, per Videos oder Ausprobieren - man sollte auf seine eigenen Erfahrungen im Lernen vertrauen. 
  3. Gut schlafen
    Verschiedene Studien belegen, wie wichtig ein ausreichender und guter Schlaf für das Behalten von Informationen ist.
  4. Unterbrochene Wiederholungen einplanen
    Es bringt mehr, wenn in kurzen max. 15 Minuten dauernden Einheiten pro Tag gelernt und geübt wird als lange Lernperioden einzulegen. Werden die Inhalte in regelmäßigen Abständen wiederholt und somit das Wissen genutzt, bleibt dieses auch im Alter gut abrufbar.
  5. Interesse haben
    Lernerfahrungen und Lernerfolge werden am besten gesteigert, wenn während des Lernens positive Emotionen vorherrschen. Das kann vor allem mit eigenem Interesse an dem Thema oder mit dem Setzen eigener Lernziele erreicht werden. Und damit schafft man sich selbst die besten Voraussetzungen für lebenslanges Lernen.

Dennoch: Gerade in der Berufswelt sollten wir Lernen nicht vorrangig als Ausgleich von Defiziten, um sich irgendwie der beruflichen Realität anzupassen, begreifen. Begreifen wir Lernen als Möglichkeit, Zusammenhänge zu verstehen, als Möglichkeit seine eigene Lebenswelt zu bereichern und als etwas, was quasi tagtäglich (nebenbei) erfolgt, dann haben wir dem Konzept des Lebenslangen Lernens seine (vielleicht?) abschreckende Lesart genommen. Und haben auch Lust, uns als ältere Lerner mit Neuem zu befassen. Probieren Sie es aus!

 

- Blogbeitrag von Nadja Semrau -

Quellen:

Dörpinghaus, Alexander: Lebenslanges Lernen: Gedanken über ein komplexes anthropologisches Problem. In: Forschung & Lehre, Ausgabe 8/17. https://www.forschung-und-lehre.de/zeitfragen/gedanken-ueber-ein-komplexes-anthropologisches-problem-130/

Yang G., Lai CS., Cichon J., Ma L., Li W. & Gan WB: Sleep promotes branch-specific formation of dendritic spines after learning. In: Science. 2014 Jun 6;344(6188):1173-8.

Züst, MA., Ruch S., Wiest, R. & Henke, K.: Implicit Vocabulary Learning during sleep is bount to slow-wave peaks. In: Current Biology, 2019 Feb 18, Vol. 29, Issue 4, P542-553.e7.

Bayrischer Rundfunk, alpha-Bildungskanal: Das Prinzip Lernen

https://www.br.de/mediathek/sendung/das-prinzip-lernen-av:584f50ef3b467900117e7436 (online bis März 2023)

Sprouts Schulen: Lernen lernen - 13 Tipps aus der Gehirnforschung. https://www.youtube.com/watch?v=_CgmMnBjnz0

Gehirn und Lernen. https://www.gehirnlernen.de/lernen/