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Schöner Arbeiten

Es gibt viele Zeitschriften zum „Schöner Wohnen“, aber keine zum „schöner Arbeiten“, zumindest sind mir keine bekannt (sollte ich etwas übersehen haben, bitte ich um Zuschriften). Dies scheint mir unverständlich, verbringen doch viele Menschen täglich 6 Stunden und mehr am Arbeitsplatz.

 

Auch während meiner Tätigkeit in MobiLe! ist mir immer wieder aufgefallen wie uniform die Einrichtung in vielen Firmen, v.a. auch in deren Büros, ist. Vorherrschend sind dabei meist weiße Wände, blaue Filz- oder Korkpinnwände und Holzmöbel im Buchedekor, obwohl die Unternehmen unterschiedlichen Branchen angehören und im Hinblick auf ihre Unternehmenskultur verschiedener nicht sein könnten. Und noch etwas haben sie fast alle gemeinsam: Die Räume für die Kunden sind häufig schön hergerichtet - mit farbigen Wänden, Pflanzen, modernen Möbeln und diversen Bildern an den Wänden.

 

Da stellt sich einem doch die Frage:

Interessiert es uns nicht wie und wo wir arbeiten, nehmen wir das vielleicht so hin, weil es schon immer so war oder soll es den Kontrast zeigen zu unserem zu Hause, in dessen Gestaltung wir mitunter viel Aufwand und Zeit stecken? - Arbeit als ein notwendiges Übel/ Mittel zum Zweck deren Verrichtungsort wir so schnell wie möglich wieder verlassen wollen? Das kann und möchte ich angesichts vieler engagierter Mitarbeiter, die ich so treffe, nicht glauben.

 

Doch selbst, wenn wir uns nicht bewusst mit unserer Umgebung beschäftigen, wirkt sie auf vielfältigste Weise auf uns. Eines der einfachsten Bespiele dafür sind Farben. Ihre Wirkung auf die Psyche des Menschen wird seit langem erforscht, mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen. So konnte man u.a. zeigen, dass man auf Intensivstationen den Medikamentenverbrauch im Schnitt um fast 30% senken konnte und sich die Patienten deutlich wohler fühlten, wenn die Wände farbig anstatt weiß gestrichen waren.

Auch die Art der Einrichtung beeinflusst uns in unseren Tätigkeiten. Weithin bekannt sind die Untersuchungen von C. Nocera, J. Ackerman und J. Bargh zur Wirkung von Objekten und ihren Eigenschaften bzw. von sensorischen Informationen (z.B. schweres vs. leichtes Klemmbrett, Tasse mit warmen vs. kalten Getränken, harter vs. weicher Stuhl) in Verhandlungen. Sie fanden z.B. heraus, dass Probanden die Kompetenzen von potentiellen Bewerbern in Abhängigkeit von der Schwere des Klemmbrettes, auf dem die Bewerbung befestigt war, unterschiedlich einschätzten. Bewerber, deren Unterlagen auf dem schweren Klemmbrett gelesen wurden, wurden als kompetenter und entschlossener beurteilt.

 

In einer Studie von Robert Ulrich der Texas A&M University konnte außerdem gezeigt werden, dass Mitarbeiter mehr und flexiblere Ideen entwickelten, wenn Blumen und Pflanzen im Büro vorhanden waren. Grün als Farbe steht im Verdacht generell einen sehr positiven Effekt auf Menschen zu haben. Es scheint antisoziales Verhalten zu reduzieren sowie die Kreativität und das Wohlbefinden zu steigern.

Doch warum ist das so? Wissenschaftler diskutieren neben kulturellen Einflüssen (z.B. Weiß als Farbe für Reinheit, z.B. im Krankenhaus oder bei Brautkleidern) immer auch evolutionäre Hintergründe. So nimmt man an, dass Pflanzen/grüne Umgebungen den Menschen unterbewusst suggerieren, dass genügend Nahrung vorhanden ist und daher positive Gefühle hervorrufen und Stress reduzieren (R.Wiseman, 2010).

 

All diese Befunde kann man nutzen um die eigene Umgebung und die der Mitarbeiter zu gestalten.

Ein erster Schritt ist immer sich der aktuellen Situation bewusst zu sein und gegenüber Neuem zu öffnen. In unserem speziellen Fall müssen Räume schlichtweg neu gedacht werden. Dazu gibt es vielfältige Inspiration, nicht nur im Netz, sondern auch vor Ort in Städten und Gemeinden, der Natur oder speziellen Projekten.

 

So habe ich vor kurzem die Ausstellung „Stadtland“ der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen im Eiermannbau in Apolda besucht. Neben der eigentlichen Ausstellung kann man auch den Rest des Gebäudes, ein imposantes Industriegebäude, dass selbst Teil der IBA ist, anschauen. 1907 als Textilfabrik fertig gestellt, wurde es 1938/39 von Egon Eiermann (einem der bedeutendsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts) umgebaut und erweitert und beherbergte bis zur Wende die Produktion von Feuerlöschern. Seitdem fragt man sich, was man mit diesem großen Gebäude machen soll und entwickelt es nun im Rahmen der IBA zur Open factory. Spannend war die Art, wie diese riesigen Räume nun für Büroarbeiter umfunktioniert wurden.

Sehr beeindruckt hat mich das Haus-in-Haus-Konzept der IBA Geschäftsstelle. Hier wurden kleine Gewächshäuser in einen bestehenden Raum integriert und als Büros umfunktioniert.

 

Jetzt kann nicht jede Firma neu bauen oder hat die finanziellen Mittel ihr Raumkonzept komplett umzukrempeln und ganz oft sind radikale Maßnahmen auch nicht nötig. Häufig reichen bereits kleinere Maßnahmen und das „Mitdenken“ von „Schöner Arbeiten“ bei Neuanschaffungen etc. schon aus. Zum Zwecke der Inspiration habe ich eine kleine Liste mit Anregungen erstellt, die Sie als PDF downloaden können.

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Ideen zum Schöner Arbeiten
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- Blogbeitrag verfasst von Anika Rehe -

Quellen:

Wer sich für die erstaunliche Wirkung der Farben näher interessiert, den empfehle ich zum Einstieg die Dokumentation „Die Magie der Farben“.

Ellard, C. (2018). Psychogeografie: Wie die Umgebung unser Verhalten und unsere Entscheidungen beeinflusst. München: btb.

Wiseman, R. (2010). Wie Sie in 60 Sekunden Ihr Leben verändern. Frankfurt am Main: Fischer.