· 

Warum 40 Stunden nicht immer 40 Stunden sind


Der Trend geht zu mehr Flexibilisierung und Individualisierung; starre Jobmodelle werden für viele Arbeitnehmer immer uninteressanter. Wer heute als Arbeitgeber bestens ausgebildete Mitarbeiter anlocken und halten möchte, muss weit mehr bieten als ein gutes Gehalt: Die Menschen wollen eine ausgewogene Work-Life-Balance. Ein gut gewähltes Arbeitszeitmodell wird für die meisten Beschäftigten immer wichtiger und ist Bedingung bei der Suche nach dem geeigneten Job.

Nachfolgend möchte ich Ihnen sachlich die Vorteile und Nachteile von bestehenden Arbeitszeitmodellen sichtbar machen.

  

Vertrauensarbeitszeit

Sie haben grundsätzlich eine vertraglich vereinbarte Arbeitszeit, z.B. 39 Stunden. Es gibt keine Kernzeit in der Sie arbeiten müssen, sondern der Arbeitgeber vertraut Ihnen, dass Sie diese Stunden arbeiten. Im Fokus steht nicht die Kontrolle der Arbeitszeiten, sondern das Vertrauen, dass die vereinbarten Aufgaben erledigt werden. Wann die Beschäftigten arbeiten, bleibt weitgehend ihnen überlassen. Auch müssen die Beschäftigten, sofern dies nicht in einer Betriebsvereinbarung festgelegt wurde, die Arbeitszeiten nicht mit dem Arbeitgeber absprechen. Gesetzlich geregelt ist die Vertrauensarbeitszeit allerdings nicht.

Dass Vertrauensarbeitszeit gilt und wie diese konkret umsetzbar ist, kann beispielsweise im Arbeitsvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung vereinbart werden. „Viele Chefs sagen aber auch: Wir haben hier Vertrauensarbeitszeit. Wenn ihr eure Sachen geschafft kriegt, ist mir egal, wann ihr das macht“, sagt Sonja Riedemann, Fachanwältin für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Osborne Clarke. „Und dann gilt das, selbst wenn es nicht im Vertrag oder einer Vereinbarung steht.“

Im Arbeitsalltag zeigt sich allerdings häufig, dass Sie dennoch zu bestimmten Zeiten arbeiten um erreichbar zu sein, an Meetings teilzunehmen oder weil Kollegen sie komisch anschauen weil Sie bereits um 15:00 Uhr gehen. Es hängt hier eindeutig vom Miteinander ab und ob diese vertrauliche Regelung auch wirklich gelebt wird. Ich denke, wenn die Vertrauensarbeitszeit durch ein paar Regelungen in einer Betriebsvereinbarung fixiert wird, ist dies ein gutes Modell um Familie und Arbeit in Einklang zu bringen. Auch kann dieses Modell nur dort angewendet werden, wo keine feste Anwesenheit der Beschäftigten vorausgesetzt wird, z. B. in Krankenhäusern, in der Produktion …).

 

Gleitende Arbeitszeit

Diese Variante ist der Vertrauensarbeitszeit sehr ähnlich. Hier wird zumeist eine Kernzeit festgelegt, zu der man im Unternehmen anwesend sein muss. Die Zeit vor dem festgelegten Beginn und danach können vom Arbeitnehmer frei eingeteilt werden. Vorteil hierbei ist, dass dadurch Stress verringert werden kann weil man bspw. Arzttermine oder auch mal eine kleine Sporteinheit auf die Zeit vor dem Arbeitsbeginn legen kann. Bei neueren Modellen entfällt manchmal sogar das Festlegen der Kernarbeitszeit. Bei dem Gleitzeitmodell werden Überstunden erfasst und können durch freie Tage abgebaut werden.

 

Kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit

Hinter diesem Modell steckt ein einfacher Ansatz: Ist Arbeit zu tun, arbeiten Sie. Ist keine Arbeit vorhanden, bleiben Sie zu Hause. Man kann sagen, man arbeitet auf Abruf. Dieses Modell weist offensichtlich wenige Vorteile auf. Man muss flexibel sein, ein geregeltes Einkommen bleibt aus. Für den Arbeitgeber interessant: Die Bezahlung orientiert sich an der tatsächlich geleisteten Arbeit. Vorteilhaft für den Arbeitnehmer ist, dass dieses Modell und die Arbeitszeiten oft mit einem Homeoffice verbunden werden.

 

Teilzeit

Dieses Modell ist besonders für Mitarbeiter geeignet, die nur einen Teil ihrer Zeit in Arbeit investieren möchten. Ob es sich dabei um 20, 50, 75 oder 80 Prozent Arbeitszeit handelt, muss individuell mit dem Arbeitgeber geklärt werden. Daraus ergibt sich dann auch die Gestaltung des Arbeitstages. Verschiedene Möglichkeiten sind vereinbar: eine 5 Tage – Woche mit festgelegten Arbeitszeiten (z.B. früher Start – früher Feierabend); eine 4 oder 3 – Tagewoche dafür aber Vollzeit oder man könnte auch 2 Wochen Vollzeit arbeiten, dafür dann eine Woche zu hause bleiben. Diese Möglichkeiten müssen zum Unternehmen passen und mit dem Arbeitgeber vertraglich vereinbart werden.

 

Jobsharing

Jobsharing beinhaltet mindestens 2 Teilzeitstellen, die sich eine Vollzeitstelle teilen. Die Beschäftigten, welche sich eine Stelle teilen, arbeiten im Team sehr eng zusammen und teilen sich flexibel die Arbeitszeiten und Aufgaben ein. Im Jobsharing ist, durch die Zeitsouveränität und enge Zusammenarbeit als Team, eine ganz andere Arbeitsweise möglich. Somit eignet sich das Jobsharing Arbeitsmodell auch für ganz andere Jobs oder genauer gesagt – für viel mehr Jobs. Auch sehr anspruchsvolle Aufgaben, die in Teilzeit schwer realisierbar sind, werden durch Jobsharing teilzeittauglich.

Wenn zwei Menschen eng zusammenarbeiten, werden selbst Führungspositionen teilbar und mit jeweils geringerer Stundenzahl machbar. Man könnte auch sagen, Jobsharing macht es prinzipiell möglich, den eigenen Job teilzeittauglich zu gestalten – unabhängig davon, ob dieser eigentlich ein typischer Teilzeitjob ist. Letztere sind in ihrer Ausgestaltung leider doch oft beschränkt: auf bestimmte Aufgabengebiete, Jobs und Branchen.

Als Nachteil für den Arbeitnehmer könnte man die enge Zusammenarbeit definieren. Es besteht eine große Abhängigkeit vom Kollegen und eine verzahnte Zusammenarbeit ist eine wichtige Voraussetzung für das Bestehen dieses Modelles. Die gemeinsame Arbeit an einem Projekt funktioniert nur dann, wenn beide Teile mit der gleichen Energie dieses vorantreiben. Als Grundvoraussetzung für das Gelingen der Arbeitsplatzteilung ist eine gut organisierte Übergabe der erledigten und offenen Tätigkeiten. Der größte Nachteil liegt sicherlich im Wechsel zurück in eine Vollzeitstelle beim gleichen Arbeitgeber.

 

Arbeitszeitkonten

Bei einem Arbeitszeitkonto handelt es sich nicht um ein Arbeitszeitmodell. Dahinter verbirgt sich das Sammeln von Arbeitsstunden die man dann flexibel aufbrauchen kann (bei Überstunden). Bei langfristiger Beschäftigung ist es mit einem Langzeitarbeitszeitkonto möglich, Sabbaticals über mehrere Monate zu planen, ohne dafür Urlaub nehmen zu müssen oder um unbezahlte Freistellung zu bitten.

 

Stechuhr

Mit diesem System (fast ausschließlich PC- gesteuert) kann minutengenau dokumentiert werden, wann Sie am Arbeitsplatz anwesend sind. Für den Arbeitnehmer besteht ein Vorteil darin, dass man die mehrgeleistete Arbeitszeit gut nachweisen kann und somit einen entsprechenden Ausgleich verlangen kann. Für den Arbeitgeber muss dieses System nicht unbedingt von Vorteil sein, denn Anwesenheit am Arbeitsplatz heißt nicht zeitgleich effiziente und effektive Arbeitsweise des Arbeitnehmers. Somit geht der Trend in vielen Unternehmen eindeutig zur Vertrauensarbeitszeit.

 

Homeoffice

Homeoffice als Modell wurde in den letzten Jahren immer beliebter und rückte in den Fokus der Modelle. Viele Vorteile für den Arbeitnehmer liegen auf der Hand:

  • Keine Anfahrt zum Unternehmen
  • Ruhige Arbeitsumgebung
  • Erreichbarkeit für die Familie

Aus Sicht vieler Arbeitgeber ist dieses Modell jedoch nicht das beliebteste unter den Modellen. Gründe können sein:

  • Schlechte Kontrolle
  • Abkapselung vom Unternehmen und den Kollegen
  • Fehlender Informationsaustausch wenn Kollegen nicht vor Ort sind
  • Der sogenannte kurze Dienstweg erweist sich als schwieriger

Als Teilzeitlösung ist dieses Modell sicher eine Erleichterung zur Verbesserung der eigenen Work-Life-Balance.

 

Aus Sicht des Unternehmers und aus Sicht der Beschäftigten kann resümierend festgehalten werden, dass Arbeitszeit nicht immer gleich Arbeitszeit ist. Geschäftsführung und Mitarbeiter können ins Gespräch kommen um gemeinsam eine geeignete Variante der Arbeitszeitgestaltung im Sinne der Unternehmensführung aber auch im Sinne der Work-Life-Balance zu finden. Die vorgeschlagene Arbeitszeitvariante muss immer zur Ausrichtung des Unternehmens passen. Umgekehrt gilt auch, wenn die Wünsche des Arbeitnehmers zum Unternehmen passen, warum sollte man sich nicht darauf einlassen? Zufriedene Mitarbeiter können sehr viel mehr leisten als solche, die nur ungern zur Arbeit gehen.

 

- Blogbeitrag verfasst von Mandy Steinbrück -